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Aktuelle Pressemeldungen

25 Jahre MPI für Mathematik in den Naturwissenschaften

Am 1. März 1996 öffnete unser Institut in der Inselstraße 22 seine Türen. Wir sind stolz, heute eine der renommiertesten mathematischen Forschungseinrichtungen weltweit zu sein. Dies verdanken wir den zahlreichen WissenschaftlerInnen, die uns mit wegweisenden Forschungsprojekten, erfolgreichen Promotionen, bedeutenden Forschungsergebnissen und nicht zuletzt einem kreativen und vertrautem Miteinander in den vergangenen 25 Jahren begleitet haben. Ein großer Dank geht natürlich auch an alle MitarbeiterInnen in der Verwaltung, Bibliothek, IT und im wissenschaftlichen Service, die unser Institut zu einer perfekt funktionierenden Wissenschaftseinrichtung machen.

Mit dieser Rubrik möchten uns gern gemeinsam mit Ihnen erinnern an Erlebnisse und Ergebnisse, die uns in den vergangenen Jahren begleitet haben. Schauen Sie doch immer mal wieder hier vorbei für Neuigkeiten aus „alten“ Tagen.

Möchten auch Sie eine Erinnerung mit uns teilen, kontaktieren Sie uns.


Episode 8 – 2009 - Die Klugheit der Dinge (26.08.2021)

Im Jahr 2009 veröffentlichte die Zeitschrift MaxPlanckForschung einen Artikel über selbstlernende Roboter. Diese raffiniert konstruierten Maschinen lernen Bewegungen ganz ohne Anweisungen eines Steuerprogramms. Auf ähnliche Weise ergründen Roboter, deren Gehirn Nihat Ay und Ralf Der an unserem Max-Planck-Institut entwickelten, ihren Körper und ihre Umwelt. Ein wissenschaftliches Thema, was heute noch genauso aktuell ist wie damals.

Viel Spaß beim Lesen!

Das Wissenschaftsmagazin MaxPlanckForschung gibt einen ausgezeichneten Überblick über das breit gefächerte Tätigkeitsfeld der Max-Planck-Gesellschaft. Mit dem Anspruch wissenschaftliche Themen verständlich aufzubereiten berichtet es über aktuelle Forschungsarbeiten an den Instituten. Die MaxPlanckForschung erscheint alle drei Monate. Hier können Sie das Magazin kostenfrei abonnieren.

 

Prof. Nihat Ay leitete als Max-Planck-Forschungsgruppenleiter die Arbeitsgruppe „Informationstheorie kognitiver Systeme“. Im April 2021 wurde er zum Professor an der Technischen Universität Hamburg (TUHH) und zum Leiter des Instituts für Data Science Foundations im Verbund des Hamburg Innovation Port berufen. Er hat zudem eine Professur am Santa Fe Institut, New Mexico, USA, inne, wo er in die Forschung zu Komplexität und Robustheitstheorie involviert ist. Seit 2013 ist er Honorarprofessor an der Universität Leipzig.

Erfahren Sie mehr über Nihat Ay, seine neuen Herausforderungen in Hamburg und seine herausragende wissenschaftliche Laufbahn in unserer Institutsnews.

 

Fragen und Antworten - Prof. Dr. Nihat Ay

Interview mit Prof. Dr. Nihat Ay anlässlich seines Amtsantritts als Professor an der Technischen Universität Hamburg TUHH und Leiter des Instituts für Data Science Foundations.

Das Interview wurde geführt von Franziska Trede, Pressestelle der TUHH.

Sie sind jetzt Professor und Leiter des Instituts für Data Science Foundations. Wie würden Sie Ihr Forschungsgebiet kurz und verständlich beschreiben?

Wir leben in einem Zeitalter, in dem ständig und überall Daten generiert werden. Das Gebiet Data Science befasst sich damit, aus dieser Flut an Daten Erkenntnisse zu gewinnen, die als Grundlage für informierte Entscheidungen herangezogen werden können, seien es Entscheidungen einzelner Personen oder globale gesellschaftspolitische Entscheidungen. Das Besondere an Data Science ist, dass der Prozess der Erkenntnis-Gewinnung automatisiert ablaufen soll. Kein Mensch kann sich nämlich alle Daten gleichzeitig anschauen, geschweige denn Muster erkennen. Dennoch stellen die Fähigkeiten des Menschen das natürliche Vorbild für diesen Prozess dar. Der Mensch ist in der Lage, die ständig auf ihn einprasselnden Rohdaten seiner Sinne zu ordnet, ihnen eine Bedeutung zuzuweisen und damit die ihn umgebende Welt zu verstehen. Dieser Verständnisprozess läuft fast spielerisch ab und stellt die Grundlage jeglichen Handelns dar.

Wie planen Sie den Aufbau des neuen Instituts? Wo liegen Ihre Forschungsschwerpunkte?

Das Institut wird einen ganzheitlichen Ansatz verfolgen, bei dem zentrale Aspekte lernender intelligenter Systeme vereinheitlichend erforscht werden. Insbesondere sollen Konzepte und Methoden des maschinellen Lernens, der tiefen neuronalen Netze und der verkörperten Intelligenz (Embodied Intelligence) integriert werden. Hierbei wird die mathematische Theoriebildung eine zentrale Rolle spielen und durch experimentelle Arbeit in einem geplanten Robotics-Lab unterstützt und geleitet werden. Dieses Zwei-Säulen-Konzept, auf dem meine bisherige Arbeit basiert, wird sich im Institut auch strukturell durch mich, den Institutsleiter, einerseits und die Oberingenieurin/den Oberingenieur andererseits widerspiegeln; zur Zeit suche ich nach der richtigen Person für diesen Job. Ziel ist es, einen Schwerpunkt für das Gebiet der verkörperten Intelligenz aufzubauen. Weitere Test- und Anwendungsbereiche sollen im Rahmen von Verbund-Initiativen und -Projekten identifiziert und zur Entwicklung von Grundlagen für Data Science herangezogen werden.

Woran forschen Sie derzeit an der TU Hamburg? Können Sie mir ein konkretes Forschungsprojekt als Beispiel beschreiben, gerne sehr einfach erklärt.

Ich arbeite, wie viele meiner Kollegen auch, gleichzeitig an mehreren Projekten, die aber jeweils nur ein Puzzle-Teil im Kontext einer Vision darstellen. Eines dieser Puzzle-Teile befasst sich mit dem Wechselspiel zwischen überwachtem und unüberwachtem Lernen. Am besten verstanden ist das überwachte Lernen, zu dem bereits sehr effiziente Methoden entwickelt worden sind. Betrachten wir das Paradebeispiel eines Kindes, das von seiner Mutter lernt, Katzen in Bildern zu erkennen. Am Anfang hilft die Mutter dem Kind, indem sie ihm die Lösung vorgibt, ihm also sagt, ob auf dem jeweiligen Bild eine Katze zu sehen ist oder nicht. Nach einigen Beispielen soll das Kind dann in der Lage sein, die Katzen ohne Hilfe selber zu erkennen. Natürlich ist das nur ein Beispiel. Ersetzen Sie das Kind durch ein künstliches lernendes System und die Mutter durch einen erfahrenen Arzt, und schon geht es darum, auf der Basis bildgebender Verfahren in der Medizin bestimmte Krankheiten, und nicht die Katze, zu erkennen. Das große Problem ist nun, dass wir es typischerweise mit hochdimensionalen Daten zu tun haben, bei denen keiner weiß, wie sie einzuordnen sind, weder die aus der Perspektive des Kindes allwissende Mutter noch der erfahrene Arzt, um bei den erwähnten Beispielen zu bleiben. Es geht also nicht um die Weitergabe von vorhandenem Wissen, wie z.B. von der Mutter an das Kind, sondern vielmehr um das Entdecken von Wissen. Dies ist ein zentrales Anliegen von Data Science. Im Rahmen des ganzheitlichen und mathematischen Zugangs des Instituts für Data Science Foundations verfolgen wir dafür natürliche und vielversprechende Ansätze. Hierbei kommen grundlegende Ideen aus dem wichtigen Gebiet der verkörperten Intelligenz, das in engem Zusammenhang steht mit cyber-physischen Systemen, einem Forschungsschwerpunkt der TUHH.

Wie und wo kann Ihre Forschung bzw. Ihr Forschungsbeispiel eingesetzt werden?

Wie oben erwähnt, kommen grundlegende Ideen für meine Forschung aus dem Gebiet der verkörperten Intelligenz. Entsprechende lernende Systeme haben einen Körper, der mit der Welt interagiert und dadurch Verhalten entfaltet. Man kann hierbei z.B. an einen zwei-, vier- oder sechsbeinigen Roboter denken, der laufen lernt. Die Steuerung eines derartigen physikalischen Systems kann sehr schwierig sein, wenn man versucht, diese von außen zu planen. Dennoch ist dies der übliche Ansatz. Unser Ansatz hingegen sieht vor, dass das System auf der Basis der sensorischen Daten seine ganz eigene Sicht auf die Welt, sozusagen von innen heraus, entwickelt und diese als Basis für seine zielgerichtete Steuerung heranzieht. Es stellt sich heraus, dass hierdurch das Problem der Steuerung oftmals stark vereinfacht werden kann, was zu robusten Lösungen bei niedrigem Energie-Verbrauch führt. Wir wollen aber einen Schritt weiter gehen und allgemeinere Systeme erforschen. Hierbei haben wir es mit komplexen Systemen zu tun, die aus vielen interagierenden oder sich beeinflussenden Komponenten aufgebaut sind, die nicht unbedingt, wie bei einem Roboter, einen zusammenhängenden Körper bilden. Man denke z.B. an das Verkehrssystem, sei es der Auto-, Flugzeug- oder Schiffs-Verkehr, an Gesellschaftssysteme oder aber auch ganz konkret an das universitäre System der TUHH. Nicht nur der Roboter soll laufen lernen, sondern auch Verkehrs- und Gesellschaftssysteme sollen, in einem abstrakteren Sinne, optimal laufen. Wie lässt dich dies am besten erreichen? Unser Ziel ist es, mit den Grundlagen für Data Science eine Antwort dafür zu liefern.

Was wollen Sie damit erreichen? Welchen Beitrag wollen Sie zum Fortschritt leisten? (Ganz nach dem Motto der TU Hamburg: Technik für die Menschen)

Wie der Name meines Instituts verrät, geht es in erster Linie um Grundlagen; ich möchte den Prozess des datengetriebenen Verstehens verstehen. Wie schaffen wir es, aus bedeutungslosen Daten, die uns umgebende Welt zu begreifen? Oder konstruieren wir nur unsere eigene Welt, die gut genug ist, uns durch das Leben zu navigieren? Die technische Umsetzung in Form von künstlichen Systemen ist ein wichtiges Instrument zur Entwicklung der Theorie, ganz im Sinne von Richard Feynman, einem bedeutenden Physiker und Nobelpreisträger, der diese Idee mit den Worten „What I cannot create, I do not understand“ umschrieb. Das Robotics-Lab des Instituts für Data Science Foundations zielt genau darauf ab, Systeme zu erschaffen, die in der Lage sind, aus bedeutungslosen Daten Erkenntnisse zu gewinnen und denen damit eine systemzentrische Bedeutung zuzuschreiben. Perspektivisch sollen technische Umsetzungen aus ihrer initialen Rolle als Instrument für Grundlagenforschung hinauswachsen und in vielfältigen Anwendungsbereichen, bei denen es um die Steuerung hochkomplexer Systeme geht, eingesetzt werden.

Zu welchem Thema haben Sie promoviert?

Ich habe im Fach Mathematik promoviert, und zwar zu einem Thema, das geometrische Eigenschaften lernender Systeme beschreibt. Dabei geht es nicht so sehr um die Geometrie der Systeme im drei-dimensionalen Raum, also z.B. darum, ob das System zwei, vier oder sechs Beine hat. Es geht vielmehr um eine Geometrie, die beschreibt, wie weit, in einem abstrakten Sinne, das lernende System vom Lernziel entfernt ist. Das Gebiet, das sich damit beschäftigt, heißt Informationsgeometrie. Einerseits war meine Dissertation, die den Titel „Aspekte einer Theorie pragmatischer Informationsstrukturierung“ trägt, eine Art Eintrittskarte in dieses Gebiet, und andererseits hat sie es durch eine neue Forschungsrichtung bereichert. Mittlerweile habe ich zusammen mit drei Kollegen ein Buch zu dem Thema geschrieben, das als Standardwerk angesehen wird, und bin seit einigen Monaten Editor-in-Chief des Journals „Information Geometry“.

Wieso haben Sie sich für eine Karriere in der Wissenschaft entschieden? Wollten Sie schon immer diesen Berufsweg einschlagen?

Es war keine bewusste Entscheidung, wie man sie nach Abwägen aller Optionen fällt. Ehrlich gesagt waren mir die Möglichkeiten in dem jeweiligen Karriereschritt erst dann bewusst geworden, wenn dieser anstand, sodass eins zum anderen kam und ich nun Institutsleiter an der TUHH bin. Andererseits, wenn ich zurückblicke, so stelle ich fest, dass ich mich schon sehr früh mit wissenschaftlichen Fragen beschäftigt habe, allerdings ohne genau zu wissen, dass es einen Beruf gibt, bei dem man dafür sogar bezahlt wird.

Was begeistert Sie so an Ihrer Arbeit?

Ich bin ja Mathematiker. Mich erfüllt es mit großer Freude zu sehen, wie aus einfachen abstrakten Strukturen ein höchst komplexes Geflecht aus Zusammenhängen entsteht und zu einer weitreichenden Theorie wachsen kann. Manchmal folgen diese Zusammenhänge unserer Intuition, und manchmal überraschen sie uns; Logik nimmt keine Rücksicht auf unsere Intuition. Die Mathematik entfaltet jedoch ihre eigentliche tragende Kraft in Bereichen, in denen unsere Vorstellungskraft zu schwach ist und die Intuition uns falsche Dinge vorgaukelt. Wer kann sich schon einen 1000-dimensionalen Raum vorstellen? Bei den meisten, auch bei Mathematikern, hört die Vorstellungskraft mit der dritten Dimension auf, also der Dimension, die unserem alltäglichen Anschauungsraum entspricht. All das ist an sich faszinierend. Aber das eigentliche Wunder offenbart sich, wenn wir die Komplexität natürlicher Phänomene und Prozesse auf ein Fundament einfacher abstrakter Strukturen zurückführen können, wenn also die Theorie die Natur beschreibt. Dann haben wir das Gefühl, zumindest ich habe das Gefühl, die Arbeitsweise der Natur zu verstehen. Mein Traum ist es, ein derartiges Verständnis für diejenigen Mechanismen zu erlangen, die der natürlichen Intelligenz zugrunde liegen. Ich glaube fest daran, dass sie einfachen Grund-Regeln entspringt und sich in vielfacher Weise entfaltet.

Welche Eigenschaften sollte man als Forscher*in mitbringen?

Als Forscher:in sollte man in der Lage sein, Dinge zu hinterfragen und Grenzen des Denkens zu überwinden. Diese sind oftmals das Resultat eines kulturellen Gewöhnungsprozesses und existieren nur in unserem Kopf. Mein Studium der Mathematik war letztendlich eine Art Therapie, in der ich gelernt habe, keine Angst davor zu haben, das Mögliche zu denken, auch wenn es auf den ersten Blick keinen Sinn macht. Wachgerüttelt hat mich damals mein Mathematik-Professor mit der Aussage, dass 1 plus 1 durchaus gleich 0 sein kann. Das ist keineswegs Unsinn. Heute weiß ich, dass derartige Rechenoperationen die Grundlage bilden für lineare Codes, die in der Informations- und Kodierungs-Theorie eine fundamentale Rolle spielen und in Kommunikationssystemen genutzt werden.

Was möchten Sie Ihren Studierenden mit auf den Weg geben?

Ich möchte meine Studierenden dazu ermutigen, sich auf Dinge einzulassen, wirklich einzulassen, die von erfahrenen Dozenten als grundlegend angesehen werden. Es erfordert Vertrauen, da wir in einer Welt leben, in der Wissen scheinbar überall und jederzeit verfügbar ist.

Was mögen Sie an Hamburg?

Tatsächlich bin ich neu in Hamburg und hatte noch nicht ausreichend Zeit, um mich auf diese Stadt einzulassen. Allerdings hat die Zeit sehr wohl ausgereicht, um zu erkennen, wie freundlich die Menschen hier sind.

Falls Sie möchten, können Sie gerne ein wenig Privates über sich erzählen, z.B.: Wo sind Sie aufgewachsen? Familienstand? Hobbies?

Ich bin in Bochum aufgewachsen und habe an der Ruhr-Universität Bochum studiert. Ich bin verheiratet und habe drei erwachsene Kinder, zwei Mädels und einen Jungen. Was meine Hobbies angeht, so war ich mal vor langer Zeit von der Malerei begeistert und habe bis zu meinem Abitur selber gemalt und ausgestellt, übrigens mit starken Bezügen zu meiner aktuellen Forschung. Mein Traum ist es, eines Tages zur Malerei zurückzukehren. Vielleicht kann ich das nach dem Aufbau des Instituts für Data Science Foundations realisieren.


Episode 7 - 2017 - Bernd Sturmfels wird als neuer Direktor berufen (22.07.2021)

Seit dem Frühjahr 2017 verstärkt Bernd Sturmfels das Direktorium unseres Max-Planck-Instituts. Der renommierte Professor für Mathematik, Informatik und Statistik wechselte von der University of California in Berkeley, USA nach Leipzig und baute hier die Arbeitsgruppe „Nichtlineare Algebra“ auf.

Bernd Sturmfels promovierte 1987 an der University of Washington und zugleich der Technischen Universität Darmstadt. 2015 erhielt er die Ehrendoktorwürde der Goethe-Universität Frankfurt. Nach Postdoc-Jahren in Minneapolis und Linz lehrte er an der Cornell University, bevor er 1995 an die UC Berkeley ging, wo er seitdem Professor für Mathematik, Statistik und Informatik ist. Seit 2018 ist er zudem Honorarprofessor an der Technischen Universität Berlin und der Universität Leipzig. Zu seinen Auszeichnungen gehören ein David and Lucile Packard Fellowship, ein Clay Senior Scholarship, ein Alexander-von-Humboldt-Forschungspreis, die SIAM von Neumann Lecturership, der Sarlo Distinguished Mentoring Award und der George David Birkhoff Prize in Applied Mathematics. Er ist Fellow von AMS und SIAM und Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Bernd Sturmfels betreute über 50 Doktoranden und zahlreiche Postdocs. Er ist Autor von elf Büchern und 290 Forschungsartikeln in den Bereichen Kombinatorik, kommutative Algebra, algebraische Geometrie und deren Anwendungen auf Gebieten wie Statistik, Optimierung und Computerbiologie.

Erfahren Sie mehr über Bernd Sturmfels und seine Liebe zur Mathematik in diesem Video. Ein herzlicher Dank geht an seine Studentin Yulia Alexandr, die dieses Interview anlässlich des ICM International Congress of Mathematics 2022 führte. Es ist Bernd Sturmfels eine große Ehre, auf diesem renommierten Kongress als Gastredner eingeladen zu sein.

Zusätzliche Einblicke

Prof. Bernd Sturmfels persönliche Homepage bei Berkley

Einführung in die Nichtlineare Algebra

In ihrem neuesten Buchprojekt bieten Bernd Sturmfels und Mateusz Michałek eine freundliche Einladung in die Welt der Polynome und ihrer Anwendungsmöglichkeiten quer durch die Wissenschaften.


Episode 6 - Aus der Forschung (16.06.2021)

Die Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V. (MPG) ist darauf ausgerichtet, grundlegende Erkenntnisse zu erarbeiten. Ihr Forschungsspektrum ist dabei breit gefächert: Die derzeit 86 Max-Planck-Institute und Einrichtungen betreiben Grundlagenforschung in den Natur-, Bio-, Geistes- und Sozialwissenschaften. Ihre Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dort forschen über das Innere der Elementarteilchen ebenso wie über den Ursprung unseres Universums, sie forschen an den molekularen Bausteinen des Lebens wie an den spezifischen Interaktionen in Ökosystemen, an den Veränderungen von Gesellschaften durch globale Migration ebenso wie an internationalen Rechtsvergleiche. (MPG Jahrbuch 2019)

Mit dem Jahrbuch legt die Max-Planck-Gesellschaft jedes Jahr einen Bericht über ihre Tätigkeit im Berichtsjahr vor. Auch wir schreiben hierfür jährlich einen Beitrag und berichten über ausgewählte Forschungshighlights. Zwei davon möchten wir Ihnen an dieser Stelle vorstellen:

Forschungsbericht 2005:
Quantengravitation: Keine Experimente, aber Mathematik
Christian Fleischhack | Mathematische Physik
Allgemeine Relativitätstheorie und Quantentheorie konnten bislang nicht zu einer konsistenten Theorie der Quantengravitation zusammengefasst werden. Leider stehen auch noch keine Experimente zur Verfügung, die Hinweise auf die vereinigte Theorie geben. Dennoch ist die Mathematik bereits in der Lage, fundierte Aussagen über mögliche Gestalten der Quantengravitation zu treffen.

Forschungsbericht 2020:
Deep Learning Theorie
Guido Montúfar | ERC Forschungsgruppe Mathematical Machine Learning
Deep Learning ist eine erfolgreiche Methode des maschinellen Lernens. Wir entwickeln eine mathematische Theorie, die dazu beiträgt, dass Deep Learning breiter anwendbar, effizienter, interpretierbarer, sicherer und zuverlässiger wird. Konkret untersuchen wir das Zusammenspiel zwischen a) der Darstellungskraft künstlicher neuronaler Netze als parametrische Sätze von Hypothesen, b) den Eigenschaften und Konsequenzen der Parameteroptimierungsverfahren, welche zur Auswahl einer auf Daten basierenden Hypothese verwendet werden und c) der Leistung trainierter Netze zur Testzeit auf neue Daten.

 

Alle unsere Beiträge seit 2003 finden Sie auf unserem Institutsauftritt auf der MPG-Website unter der Rubrik Jahrbuch


Episode 5 - Zahlen & Fakten (19.05.2021)

Was wäre ein mathematisches Institut ohne Zahlen und Fakten? Für unseren heutigen Rückblick haben wir einmal in unseren Datenbanken gestöbert und diesen einige Zahlen entlockt. 

In den vergangenen 25 Jahren gab/gibt es an unserem Institut:

  • 132 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in unserer Bibliothek, IT und im wissenschaftlichen Service, unsere Auszubildenden eingerechnet. 
  • Über 300 Doktoranden. 
  • Über 550 Postdocs.
  • 14 Nachwuchsgruppenleiter.
  • 230 wissenschaftliche Konferenzen und Workshops.
  • Über 5.000 Seminare und Vorlesungen. 
  • Über 3.000 kurzfristige Gäste besuchten unser Institut im Rahmen von Forschungskooperationen, Konferenzen, Seminaren und anderen Projekten. 
  • Unser Institut publizierte über 3.700 Artikel in verschiedensten Fachzeitschriften.
  • Unsere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kamen aus 68 verschiedenen Ländern. Sind Sie neugierig, aus welchen genau? Um dieses breite Spektrum an Ländern weltweit zu veranschaulichen, haben wir für Sie eine Grafik erstellt.

Unsere Direktoren und deren Arbeitsgruppen:

Jürgen Jost (seit 1996)
Riemannsche, Kählersche und algebraische Geometrie, geometrische Analysis, nichtlineare partielle Differentialgleichungen in der mathematischen Physik, Variationsrechnung, mathematische und theoretische Biologie, neuronale Netze, Kognitionstheorie, mathematische Methoden für komplexe Systeme, Informationstheorie, dynamische und komplexe Systeme in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Wissenschaftstheorie und -geschichte.

Felix Otto (seit 2010) 
Analyse von Kontinuumsmodellen in der Materialwissenschaft (Ferromagnete, Formgedächtnislegierungen) und Fluiden mit Methoden aus partiellen Differentialgleichungen und der Variationsrechnung. Behandlung von Zufallseffekten (stochastische Homogenisierung, thermisches Rauschen), Musterbildung, Energielandschaften, Skalierungsgesetze.

Bernd Sturmfels (seit 2017)
Algebra, Geometrie und Kombinatorik mit starkem Bezug zu Anwendungen aus der Statistik, der Informatik und den Lebenswissenschaften. Einbindung von Bereichen wie algebraische Geometrie, kommutative Algebra, konvexe und diskrete Geometrie, multi-lineare und Tensor-Algebra, algebraische Kombinatorik, dynamische Systeme und symbolisches Rechnen. 

Wolfgang Hackbusch (1999 - 2014, emeritierter Direktor)
Numerische Lösung von partiellen Differentialgleichungen und Integralgleichungen, Mehrgitterverfahren, Randelementverfahren

Stefan Müller (1996 - 2008, ehemaliger Direktor)
Mathematische Grundlagen in den Materialwissenschaften, Mikrostrukturen, Mikromagnetismus, Kontinuumsmechanik, singuläre Störungen, nichtlineare partielle Differentialgleichungen und Variationsrechnung
Anschließend am: Hausdorff Center for Mathematics Bonn 

Eberhard Zeidler (1996 - 2007, †)
Nichtlineare partielle Differentialgleichungen, nichtlineare Funktionalanalysis, klassische und moderne mathematische Physik, ausgewählte Fragen der mathematischen Chemie und mathematischen Biologie

 

Zudem arbeiten an unserem Institut derzeit 8 Forschungsgruppen, die von herausragenden Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern geleitet werden. Dies sind:

Daniele Agostini: Algebraic geometry and interactions with probability, statistics and mathematical physics, Riemann's theta function.

Benjamin Gess: Stochastic partial differential equations, regularization and well-posedness by noise, random dynamical systems.

Michael Joswig: Polyhedral combinatorics, algorithmic geometry, mathematical software.

Guido Montúfar: Deep learning theory, geometric analysis of capacity, optimization, and generalization in deep neural networks.

Matteo Smerlak: Theoretical evolutionary dynamics, fitness landscapes.

André Uschmajew: Low-rank tensor approximation, numerical tensor calculus, optimization.

Paul Breiding: Emmy Noether Research Group on Numerical and Probabilistic Nonlinear Algebra

Noémie Combe: Minerva group on Frobenius structures, Operads, Deformation Theory & Applications

 

Wir sind unheimlich stolz, dass all unsere ehemaligen Gruppenleiterinnen und Gruppenleiter heute renommierte Stellen an Universitäten und Forschungseinrichtungen auf der ganzen Welt innehaben.


Episode 4 - Coole Büroklammer (30.04.2021)

Eine sehr coole und clevere Büroklammer ist Hauptdarstellerin dieses Videos, was wir 2008 anlässlich des Wissenschaftsjahres der Mathematik veröffentlicht haben. Diese Büroklammer ist etwas ganz Besonders, denn sie hat ein Gedächtnis. Selbst wenn man sie verbiegt, kann sie sich an ihre ursprüngliche Form erinnern. Dafür braucht sie nur heißes Wasser und schon ist sie wieder die Alte. Der Grund dafür ist ihr spezielles Material, ein so genanntes Formgedächtnismaterial.

Die Forschungsgruppe um unseren ehemaligen Direktor Prof. Dr. Stefan Müller entwickelte unter anderem mathematische Modelle, um Materialien mit diesen neuartigen Eigenschaften zu erforschen. Der Schlüssel dazu sind die winzigen Mikrostrukturen des Metalls.

Am Wissenschaftsjahres der Mathematik 2008 beteiligten sich mehr als 500 Partner aus Wissenschaft, Kultur und Politik. Unter dem Motto "Mathematik. Alles, was zählt," luden insgesamt mehr als 760 Veranstaltungen, Ausstellungen, Wettbewerbe und Festivals dazu ein, Mathematik zu erleben. Sie alle haben gezeigt: Mathematik macht Spaß!

PS. Die Büroklammer lebt noch und sie erfreut sich großer Beliebtheit bei unseren Aktionen zur Öffentlichkeitsarbeit und bei Projekten mit Schülerinnen und Schülern. :)

Rollenbesetzung

Prof. Dr. Stefan Müller ist einer der Gründungsdirektoren unseres Instituts. Von 1996 bis 2008 leitete er die Arbeitsgruppe „Mathematical foundations of materials science, microstructures, micromagnetism, continuum mechanics, singular perturbations, non-linear partial differential equations and the calculus of variations”.  Seit 2008 hat er eine Professur an der Universität Bonn inne. Er ist zudem Hausdorff Chair und stellvertretender Direktor des Hausdorff Research Institute for Mathematics am Bonner Exzellenzcluster Hausdorff Center for Mathematics.

Prof. Dr. Anja Schlömerkemper war Doktorandin in der Arbeitsgruppe von Prof. Stefan Müller und promovierte 2002 zum Thema „Magnetic forces in discrete and continuous systems“.  Ihre Forschungsaufenthalte führten sie an die University of Oxford, an die Universität Stuttgart und von 2005 bis 2009 noch einmal an unser Institut zurück. Nach Stationen an den Universitäten Bonn und Erlangen-Nürnberg nahm sie einen Ruf an die Universität Würzburg an, wo sie heute Inhaberin des Lehrstuhls für Mathematik in den Naturwissenschaften und zudem Vizepräsidentin der Universität ist.

Prof. Dr. Patrick Dondl arbeitete als Postdoc in der Forschungsgruppe von Prof. Stefan Müller und hat heute eine Professur für Angewandte Mathematik an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg inne. Sein wissenschaftliches Interesse gilt auch heute noch der mathematischen Modellierung und Analyse von Problemen aus Physik und Naturwissenschaften. Seine Gruppe forscht insbesondere an Grenzflächen in zufälligen Medien, Phasenfeldmodellen für dünne elastische Strukturen und Mikrostrukturen in der Plastizität.

 

Lesen Sie zum Thema auch den folgenden wissenschaftlichen Artikel, der am 4. März 2004 in der Zeitschrift Nature (Volume 428) erschienen ist.
Kaushik Bhattacharya, Sergio Conti, Giovanni Zanzotto, and Johannes Zimmer:
Crystal symmetry and the reversibility of martensitic transformations.


Episode 3 - "Dieses Institut ist ein wesentliches Stück meines Lebens"
Interview mit Prof. Dr. Jürgen Jost (08.04.2021)

Prof. Dr. Jürgen Jost gründete 1996 gemeinsam mit Prof. Dr. Eberhard Zeidler und Prof. Dr. Stefan Müller unser Institut und begleitete es als Direktor und Arbeitsgruppenleiter durch die gesamten 25 Jahre. Wir freuen uns sehr, dass er in diesem Interview einige Erinnerungen, Gedanken und Inspirationen mit uns teilt.

Prof. Jost, was fasziniert Sie an der Mathematik und was hat Sie bewogen, Mathematiker zu werden?

Die Mathematik ist ein sehr präzises Werkzeug des Denkens und erlaubt es mir, Konzepte zu entwickeln und Strukturen zu verstehen. Ich weiß, dies klingt zunächst sehr abstrakt. Auf die Frage, wie ich dazu gekommen bin, könnte ich natürlich sagen, Mathematik ist mir leichtgefallen oder ich war in der Schule immer gut in Mathematik, wie das bei den meisten Mathematikern so ist. Aber eigentlich ist es ein wenig anders. Ich wollte Wissenschaftler werden. Dass es dann tatsächlich die Mathematik wurde, ist ein wenig zufällig. Schon seit meiner Schulzeit war es immer mein Traum, die Realität und das, was uns umgibt, was die Materie, das Leben, das Bewusstsein und so vieles mehr ausmacht, zu verstehen. Ich habe zunächst in unterschiedlicher Tiefe und Breite verschiedene Fächer studiert: Mathematik, Physik, Volkswirtschaft und Philosophie. Und es ergab sich, dass ich in der Mathematik sehr schnell (und zwar im Alter von 23 Jahren) in einem sehr hoch aktuellen und sich rasant entwickelnden Forschungsgebiet promovieren konnte. Diese Chance habe ich ergriffen, bin dadurch Mathematiker geworden und habe mich viele Jahre der mathematischen Spezialforschung gewidmet, konkrete Probleme gelöst und somit meine Reputation als Wissenschaftler aufgebaut.

Sie kamen 1996 von der Ruhr-Universität Bochum an ein Max-Planck-Institut im Osten Deutschlands und haben Ihren Lebensmittelpunkt komplett nach Leipzig verlegt. Was bedeutete dies für Sie und ihre Familie?

Ein Max-Planck-Institut zu gründen und Max-Planck-Direktor zu werden ist natürlich eine große Chance. Eine solch herausgehobene und gut ausgestattete wissenschaftliche Stelle findet man praktisch nirgendwo anders auf der Welt. Diese Chance habe ich sehr gern ergriffen, ein wenig zum Leidwesen meiner Eltern, die hofften, dass ich in ihrer Nähe bleiben würden und eine der mir angebotenen Universitätsprofessuren angenommen hätte. Aber ich fühle mich sehr wohl hier. Ich kannte Leipzig vorher nicht. Der Osten war mir bis dahin völlig unbekannt und ich habe die Stadt Leipzig erst im Zuge der Instituts-Verhandlungen kennengelernt. Ich selbst und auch meine Familie hat sich in Leipzig immer sehr wohl gefühlt. Es ist eine sehr angenehme und reizvolle Stadt und es war auch faszinierend zu sehen, wie sehr sich Leipzig verändert und entwickelt hat in den gut 25 Jahren, die ich nun hier bin.

Welches Erlebnis oder Ereignis aus den 25 Jahren Institutsgeschichte ist Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?

In unserer Institutsgeschichte gab es viele Highlights. Besonders gern erinnere ich mich jedoch an eine wunderbare internationale Konferenz, die kurz nach der Gründung unseres Instituts stattfand, das interdisziplinäre Walter-Andrejewski-Symposium „Mathematics in the Sciences“. Bei diesem trugen einige der besten Wissenschaftler der Welt vor - unter anderem der Träger des Nobelpreises für Chemie Manfred Eigen, Sir Roger Penrose, der erst im vergangen Jahr für seine Beiträge zur allgemeinen Relativitätstheorie den Nobelpreis für Physik erhielt oder Misha Gromov, einer der weltweit führenden Geometer, der 2009 mit dem Abelpreis ausgezeichnet wurde. Dies war ein herausragendes wissenschaftliches Ereignis, was unser Institut in der wissenschaftlichen Landschaft international gut verankert und positioniert hat und auf das wir sehr stolz sein können.

Welche Forschungsthemen hielten Sie in der Gründungsphase für besonders vielversprechend und wie haben sich diese entwickelt? Und im Gegenzug: Gibt es für Sie Forschungsthemen, die zunächst nicht im Fokus standen, aber im Laufe der Zeit deutlich an Bedeutung gewonnen haben?

Hier muss ich etwas weiter ausholen. Man etabliert sich als Forscher, indem man in einem Fachgebiet Spezialprobleme löst. Dies habe ich in der Mathematik gemacht. Ich war in meinem Gebiet ein Mathematiker, den man offensichtlich für fähig hielt, ein solches Institut mit zu gründen. Ich hatte aber schon einiges im Kopf, was ich gern entwickeln wollte – beispielsweise die Beziehungen zur Physik und zur Neurobiologie. Mit entsprechenden Forschungen hatte ich schon begonnen, aber im Laufe der Zeit haben diese eine große Eigendynamik entwickelt, als ich immer besser verstand, wie alle Wissenschaften miteinander zusammenhängen. Ich konnte dann mein Forschungsprofil durch die Möglichkeiten, die einem ein Max-Planck-Institut gewährt, so ausweiten, dass ich einen großen Bereich von Wissenschaften berühren und abdecken und mit neuen mathematischen Ideen durchdringen konnte. Wir arbeiteten also im Laufe der Zeit nicht mehr nur in der Mathematik, sondern auch viel zur Theoretischen Physik – dies vor allem in den Anfangsjahren und wesentlich geprägt durch die Interessen von Prof. Zeidler. Zudem forschten wir sehr viel auf den Gebieten der mathematischen Neurobiologie und der mathematischen Biologie, was uns dazu bewog, den Bioinformatiker Peter Stadler als auswärtiges wissenschaftliches Mitglied an unser Institut zu berufen.

Im Laufe der Jahre entwickelte ich zudem vielfältige Kontakte zu Psychologen, Sozialwissenschaftlern und Ökonomen. Ich habe mich auch in der Wissenschaftsgeschichte engagiert und Wissenschaftsphilosophie betrieben und vieles mehr. Wissenschaft derart universell und vielseitig zu betreiben war die große Chance, die sich im Laufe der Jahre erst herauskristallisierte und sich dann außerordentlich dynamisch entwickelte. Dadurch ist es, so denke ich, gelungen, hier eine Arbeitsgruppe zu etablieren, die ziemlich einmalig in der ganzen Welt ist. Wir können die verschiedenen Wissenschaften auf der Basis einer sehr soliden und profunden Mathematik miteinander verbinden. Wir können die große Breite der Wissenschaft abdecken. Wir können auch in konzeptionelle Tiefen gehen. Und wir können interdisziplinär arbeiten. Dies ist etwas ganz Besonderes, das ich nirgendwo anders hätte verwirklichen können – sowohl die Freiheit zu erhalten, das zu tun, was man für richtig hält, als auch die entsprechenden Mittel hierfür zur Verfügung gestellt zu bekommen. Natürlich müssen wir uns schließlich am Erfolg unserer Projekte messen lassen, aber dies ist uns soweit gut gelungen, und wir konnten auch zusätzlich zu der Grundfinanzierung bedeutende und innovative Drittmittelprojekte insbesondere auf europäischer Ebene einwerben.

Sie haben zahlreiche talentierte junge Menschen in ihrer wissenschaftlichen Laufbahn begleitet. Welchen Rat geben Sie Ihren ehemaligen Doktoranden und Postdocs mit auf den Weg?

Zu allererst möchte ich sagen, dass es für mich immer eine große Freude ist, mit so vielen begabten, motivierten, fähigen, fleißigen und strebsamen jungen Leuten zusammenarbeiten zu können und diese  in neue wissenschaftliche Disziplinen einführen zu können, so dass sie anschließend selbst ihren eigenen Weg gehen können. Einen allgemeinen Rat kann man sicher nicht geben, denn dies ist von der jeweiligen Persönlichkeit abhängig. Es gibt kein universelles Konzept um erfolgreich zu sein. Aber ich glaube, ich habe im Laufe der Jahre ganz gut gelernt, die jeweiligen Stärken der einzelnen Personen gut zu erfassen und sie dann vielleicht auch in eine Richtung zu lenken, in der sie diese Stärken entfalten können und wo sich gleichzeitig ein Weg für eine erfolgreiche Karriere öffnen kann.

Nicht auf allen Themen, die wir für wichtig und für innovativ halten und die teilweise auch gut etabliert sind, lässt sich auch eine wissenschaftliche Karriere aufbauen. Deshalb sage ich den jungen Menschen: seid geistig offen, seid neugierig, macht etwas Neues, aber achtet auch darauf, dass dies bei den etablierten Institutionen so viel Resonanz findet, dass es geeignete wissenschaftliche Stellen eröffnet. Und es gibt natürlich auch viele begabte junge Leute, die nach ihrer Promotion Stellen in der Industrie, Wirtschaft und anderen Bereichen anstreben und auch hierbei sehr erfolgreich sind. Ich halte es für außerordentlich wichtig, dass wir als eine herausgehobene Forschungs- und Ausbildungsinstitution junge Menschen ausbilden, die auch außerhalb der Wissenschaft etwas sehr Nützliches und Wichtiges leisten. Wenn man in der Mathematik promoviert ist, stehen einem sehr viele Möglichkeiten offen. Man lernt in der Mathematik präzise zu denken und Strukturen abstrakt zu erfassen. Diese Fähigkeiten sind in vielen Bereichen hochgeschätzt, auch wenn vielleicht die konkreten mathematischen Methoden, die man gelernt hat, nicht mehr unbedingt zur Anwendung kommen.

Wie Sie bereits beschrieben haben, erforscht Ihre Arbeitsgruppe ein breites Spektrum mathematischer Themen. Wo sehen Sie unser Institut in den kommenden Jahren?

Ich habe so eine Breite der wissenschaftlichen Themen abgedeckt und so viele Wissenschaften berührt, wie es bei meiner Nachfolge mit Sicherheit nicht mehr der Fall sein kann. Ich bin in gewisser Weise ein wissenschaftlicher Exot in der Mathematik, vielleicht auch in der Max-Planck-Gesellschaft, so dass in Zukunft wahrscheinlich wieder eine engere Fokussierung sattfinden muss. Das ist durchaus gut, denn Mathematik kann nicht leben, ohne dass eine sehr erfolgreiche und tief in die Probleme eindringende Spezialforschung betrieben wird. Das Forschungsspektrum wird sich daher sicher wieder etwas verengen, was durchaus positiv ist für das Institut. Ich hoffe natürlich, dass die interdisziplinäre Breite, die ich versucht habe aufzubauen, irgendwie – zumindest als Geist – im Hintergrund weiterleben kann. Und dass ich vielleicht auch andere Leute dazu inspirieren konnte, etwas Vergleichbares zu versuchen.

Wie bewerten Sie generell die Rolle der Mathematik für die Zukunft?

Es stellt sich immer mehr heraus, dass die Mathematik eine der großen Zukunftswissenschaften ist. Vor 25 Jahren war die Mathematik in vielen Anwendungsbereichen wichtig und wurde immer wichtiger, was auch den Ausschlag zur Gründung unseres Instituts gab. Aber damals war beispielsweise noch nicht erkennbar, wie weit sich die Datenwissenschaften und die damit verbundenen Datenmengen, mit denen wir heute umgehen müssen, entwickeln würden. Es ist eine große Herausforderung an die Mathematik, diese heterogenen, komplexen, sehr großen und sehr unterschiedlichen Daten systematisch durchdringen zu können. Damit sind die Anwendungswissenschaftler mittlerweile überfordert. Dies wird auch eine Schwerpunktverlagerung innerhalb der Mathematik nach sich ziehen. So wird die Mathematik zusammenwachsen mit der Statistik und dem maschinellen Lernen, es wird um die Geometrie von hochdimensionalen Räumen gehen, die bisher noch nicht so sehr im Fokus stand, und vieles mehr. Deshalb glaube ich, und dies wird von vielen meiner Kolleginnen und Kollegen mitgetragen, dass die Rolle der Mathematik in der Zukunft enorm zunehmen wird. Sie wird eine große wissenschaftliche als auch gesellschaftliche Relevanz bekommen, um mit diesen Datenmengen, mit denen wir konfrontiert sind, vernünftig umgehen zu können, darin Strukturen zu entdecken und kreativ zu erforschen, wie man auf deren Basis unsere Zukunft gestalten kann. Was wirklich möglich ist, wird man erst in einiger Zeit sehen. Ich selbst werde in ein paar Jahren in den Ruhestand treten müssen. Inwieweit dies an unserem Institut oder in der Max-Planck-Gesellschaft oder an anderen Forschungseinrichtungen verwirklicht wird, weiß ich natürlich heute noch nicht.

Ihre Frau ist ebenfalls Mathematikerin, auch ihre Kinder haben teilweise eine wissenschaftliche Laufbahn eingeschlagen. Welche Rolle spielt die Mathematik in ihrem persönlichen Umfeld? Gibt es für Sie einen Tag ohne Wissenschaft?

Tage ohne Wissenschaft gibt es tatsächlich sehr selten bei mir, weil ich so viele Sachen mache und so spannend finde, dass ich die Energie und Zeit, die mit zur Verfügung stehen, soweit wie möglich auch auf diese spannenden Fragen verwenden möchte. Die Wissenschaft und das tägliche Leben gehen in gewisser Weise ineinander über. Ich lese sehr viel – Dinge, die teilweise mit meiner Forschung zusammenhängen oder auch Dinge, die einfach hängen bleiben und mich vielleicht nach 10 Jahren zu irgendetwas Neuem inspirieren. Ich beschäftige mich mit Themen, die einfach reizvoll, spannend und interessant sind. Das ist gar nicht so leicht zu trennen.

Sie feiern in diesem Jahr nicht nur das Institutsjubiläum, sondern auch Ihren 65. Geburtstag. Was wünschen Sie sich für unser Institut und für Ihre persönliche Zukunft?

Für die Zukunft unseres Institutes wünsche ich, dass auch nach mir das Institut innovativ bleibt, dass es Wissenschaft auf höchstem Niveau betreiben kann, dass es weiterhin gute junge Leute anziehen kann und ihnen erfolgreiche wissenschaftliche Karrieren eröffnet und vieles mehr. Ich denke, das wird auch so sein. Wir werden mit Sicherheit sehr gute Nachfolger für die derzeit offenen Direktorenstellen bekommen und die Max-Planck-Gesellschaft hat gut etablierte Mechanismen, die dafür sorgen, dass die Institute erfolgreich arbeiten. Da mache ich mir keine großen Sorgen.

Für mich selbst habe ich natürlich auch noch viele Projekte. In drei Jahren werde ich in den Ruhestand treten. Ich werde danach sicher auch noch aktiv bleiben. Ich habe im Laufe der Jahre so an die 20 Bücher geschrieben, aber ich habe noch viele Ideen und angefangene, auch teilweise fast fertige, Manuskripte für mindestens 10 weitere Bücher. Da kann ich in den nächsten Jahren noch sehr sehr viel machen, so lange mir Gesundheit und Schaffenskraft erhalten bleiben.

Lieber Prof. Jost, herzlichen Dank! Wir wünschen Ihnen alles erdenklich Gute.

Eine kleine Auswahl seiner Bücher

Jost, Jürgen: Leibniz und die moderne Naturwissenschaft
Was hat ein Gelehrter des 17.Jahrhunderts noch für die heutigen Naturwissenschaften zu sagen? Eine ganze Menge, so zeigt sich in diesem Buch. 

Jost, Jürgen: Riemannian Geometry and Geometric Analysis
Sein erfolgreichstes Buch, bereits in 7 Auflagen erschienen. Dieses etablierte Nachschlagewerk bietet seinen Lesern einen Zugang zu einigen der interessantesten Entwicklungen in der zeitgenössischen Geometrie.


Episode 2 - In Erinnerung an unseren Gründungsdirektor Professor Eberhard Zeidler (22.03.2021)

Den heutigen Artikel widmen wir einem herausragenden Wissenschaftler, warmherzigen Menschen, zielstrebigen Mentor und außergewöhnlichen Vermittler der Mathematik - unserem Gründungsdirektor
Prof. Dr. Dr. h.c. Eberhard Zeidler.

Eberhard Zeidler wurde am 6. Oktober 1940 in Leipzig geboren. Im Jahr 1959 begann er ein Mathematikstudium an der Universität Leipzig, wurde jedoch 1961 aus politischen Gründen von der Universität exmatrikuliert und durfte sein Studium erst 1964 wieder aufnehmen. Er promovierte 1967 bei Herbert Beckert, dem Leiter der Leipziger Schule für mathematische Analysis und wurde schnell zu einem der führenden Wissenschaftler auf diesem Gebiet. Dies bezeugt beispielsweise seine eindrucksvolle fünfbändige Abhandlung über die »Nichtlineare Funktionalanalysis und ihre Anwendungen«, die seitdem zu den klassischen Texten auf diesem Gebiet zählt. 1974 wurde Eberhard Zeidler zum ordentlichen Professor berufen. Nach der Wende im Jahr 1989 spielte er eine führende Rolle bei der Reformation und Umstrukturierung der Universität Leipzig.

Seinem hohen internationalen wissenschaftlichen Ansehen, seiner ausgewiesenen Führungsstärke und seiner großen Vision ist es zu verdanken, dass 1996 in Leipzig das Max-Planck-Institut für Mathematik in den Naturwissenschaften gegründet wurde. Er leitete das Institut in den ersten Jahren und entwickelte es rasch zu einem international anerkannten und hoch innovativen Forschungsinstitut.

Seine wissenschaftliche Vision basierte auf der tiefen Einheit von Mathematik und theoretischer Physik, und dies gab ihm die unglaubliche Energie und Begeisterung für seine mehrbändige Abhandlung über "Quantenfeldtheorie", deren Untertitel "Eine Brücke zwischen Mathematikern und Physikern" sein Ziel so treffend ausdrückt. Er wollte Brücken bauen und die tiefe konzeptionelle Einheit zwischen reiner Mathematik und theoretischer Physik für sich selbst als auch für andere erforschen. Auch die verschiedenen deutschen und englischen Ausgaben seines Handbook of Mathematics haben eine breite und begeisterte Leserschaft erreicht.

Damit war er einer der ganz wenigen Wissenschaftler unserer Zeit, die die Mathematik noch als Ganzes und mit all ihren tiefen Verbindungen zur Physik und deren Anwendungen überblicken und erforschen konnten, anstatt sich, wie es heute oft üblich ist, nur auf isolierte Teilbereiche zu konzentrieren.

Im Jahr 1994 wurde Eberhard Zeidler zum Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina ernannt. 2006 wurde er mit dem "Alfried-Krupp-Wissenschaftspreis" und 2014 mit dem ersten Wissenschaftspreis der Teubner-Stiftung zur Förderung der Mathematischen Wissenschaften ausgezeichnet. Im Jahr 2004 erhielt er zudem die Ehrendoktorwürde der Vietnamesischen Akademie der Wissenschaften in Hanoi.

Eberhard Zeidler war ein großer Wissenschaftler, aber auch ein großartiger Mensch, immer um das Wohlergehen anderer besorgt, hilfreich, warmherzig und großzügig, und mit einem tiefen Sinn für Humor. Unser Institut verdankt ihm seine Existenz, seine Vision, seine Struktur und seinen Erfolg. Wir werden ihm immer dankbar bleiben für all das, was er uns als Wissenschaftler und als Mensch gelehrt hat. (Prof. Jürgen Jost)


Lesen Sie mehr über das Leben und Wirken Eberhard Zeidlers in einem Nachruf ​​​​​von Prof. Jürgen Jost:
Jost, Jürgen: Eberhard Zeidler 1940-2016
Jahresbericht der Deutschen Mathematiker-Vereinigung, 120 (2018) 3, p. 221-228
DOI: 10.1365/s13291-017-0175-4

Sehen Sie eine kurze Diashow in Erinnerung an unseren Gründungsdirektor Professor Eberhard Zeidler (weitere Auflösungsoptionen und Download).

Zu Ehren von Prof. Zeidler haben wir diese Ausstellung in unserer Bibliothek gezeigt.

Eine kleine Auswahl seiner Bücher

Quantum Field Theory - A Bridge between Mathematicians and Physicists
Die Quantenfeldtheorie schlägt eine Brücke zwischen Mathematikern und Physikern, basierend auf komplexen Fragen nach den fundamentalen Kräften im Universum (Makrokosmos) und in der Welt der Elementarteilchen (Mikrokosmos).

  • Quantum Field Theory I: Basics in Mathematics and Physics (2006)
  • Quantum Field Theory II: Quantum Electrodynamics (2009)
  • Quantum Field Theory III: Gauge Theory (2011)

Die Faszination der Wechselwirkungen zwischen Mathematik und Naturwissenschaften
Jahresbericht der Deutschen Mathematiker-Vereinigung, 109 (2007) Sonderheft, p. 19-40

Mathematik – Ein geistiges Auge des Menschen


Episode 1 - Wie alles begann (01.03.2021)

Der offizielle Beschluss zur Gründung eines „Max-Planck-Instituts für Mathematik in den Naturwissenschaften“ erfolgte bereits im Jahr 1995 auf Anregung von Bert-Wolfgang Schulze, Leiter der MPG-Arbeitsgruppe „Partielle Differentialgleichungen und komplexe Analysis“ an der Universität Potsdam und vorbereitet von einer Gründungskommission unter Leitung des großartigen Mathematikers Friedrich Hirzebruch, dem langjährigen Direktor des Bonner Max-Planck-Instituts für Mathematik.

Am 17. November 1995 wurden Jürgen Jost, Stefan Müller und Eberhard Zeidler zu Wissenschaftlichen Mitgliedern, Mitgliedern des Kollegiums und Direktoren am Institut berufen. Jürgen Moser von der ETH Zürich wirkte als Auswärtiges Wissenschaftliches Mitglied beim Aufbau unseres Instituts mit.

Am 1. März 1996 nahm zunächst die Arbeitsgruppe „Methoden der mathematischen Physik“ unter Leitung von Prof. Dr. Eberhard Zeidler, der zugleich als Geschäftsführender Direktor tätig war, ihre Arbeit auf. Am 1. August folgte Prof. Dr. Jürgen Jost mit seiner Gruppe „Geometrische Methoden, Komplexe Systeme“ und am 1. Oktober die Gruppe „Analytische Methoden, mathematische Aspekte der Materialwissenschaften“ unter Leitung von Prof. Dr. Stefan Müller.

Erleben Sie in nachfolgendem Video (weitere Auflösungsoptionen und Download) ein paar offizielle als auch persönliche Eindrücke aus unseren ersten Tagen.

Lesen Sie mehr über die Gründungsphase unseres Instituts in nachfolgendem Artikel, den unserer Gründungsdirektoren 1996 für die „Notices der American Mathematical Society“ geschrieben haben.

25.08.2021, 22:11