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Jenseits der Worte: Die kognitive Kraft der Metapher

Veröffentlicht am 6. August 2025

Eine aktuelle Arbeit von Marie Teich, Wilmer Leal und Jürgen Jost gibt Einblick in die strukturellen und kognitiven Dimensionen von Metaphern und zeigt, wie sie unser Denken und unsere Sprache prägen – weit über ihre Rolle als rein rhetorisches Mittel hinaus. Der Artikel wurde kürzlich in PLOS Complex Systems veröffentlicht.

Auf den Punkt gebracht: 

  • Weit mehr als Rhetorik: Metaphern sind nicht nur stilistische Mittel, sondern stabile sprachliche und kognitive Strukturen.
  • Bedeutungen kartieren: Zwei zentrale metaphorische Prozesse verbinden konkrete und abstrakte Konzepte in einem strukturierten Netzwerk.
  • Weitreichende Anwendungen: Die Forschungsergebnisse haben Implikationen für die Linguistik, Philosophie, KI und die Mathematik der Kognition.

Metaphern sind ein grundlegender Bestandteil der menschlichen Sprache und Kognition. Sie ermöglichen es uns, komplexe Konzepte und Zusammenhänge zu verstehen, indem sie diese auf vertrautere und konkretere Bereiche übertragen. Dennoch sind die Eigenschaften von Metaphern und ihre Funktionsweise noch immer nicht vollständig erforscht. In einer kürzlich in PLOS Complex Systems veröffentlichten Arbeit haben die Forschenden Marie Teich und Wilmer Leal vom Max-Planck-Institut für Mathematik in den Naturwissenschaften gemeinsam mit dem Institutsdirektor Jürgen Jost ein formales Rahmenwerk und eine umfangreiche empirische Methodik entwickelt, um Metaphern und ihre Rolle innerhalb der konzeptuellen Metapherntheorie zu analysieren.

Zentrale Forschungsergebnisse

Die Studie bestätigt die zentrale Annahme der konzeptuellen Metapherntheorie, wonach Metaphern nicht nur rhetorische Stilmittel, sondern stabile sprachliche und kognitive Strukturen sind. Mithilfe von Techniken aus der Forschung zu komplexen Systemen identifizierten die Forschenden ein Netzwerk von Metaphern, das zwischen abstrakten und konkreten Kategorien unterscheidet. Sie deckten zudem zwei wichtige metaphorische Abbildungen von konkreten auf abstrakte Themen sowie das Entstehen neuer Verbindungen zwischen konkreten Bereichen. Zudem zeigte die Studie, dass Metaphern sich vor allem auf zwei kleine Gruppen alltäglicher Themen fokussieren, wobei eine Gruppe innerhalb der konkreten Kategorie sowohl als starke Quell- als auch als Zieldomäne dient und die andere Gruppe innerhalb der abstrakten Kategorie in erster Linie als Zieldomäne fungiert.

Diese Ergebnisse legen nahe, dass Metaphern ein kreativer Prozess sind, der durch Kontraste und Spannungen zwischen unterschiedlichen Themen angetrieben wird. Dieser öffnet den Weg für neuartige theoretische Konzepte und die Entfaltung neuer Ähnlichkeiten.

Relevanz und künftige Forschungsansätze

Die aktuellen Erkenntnisse bieten wichtige Impulse für Forschende in der kognitiven Linguistik und der Sprachphilosophie und könnten insbesondere für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich mit konzeptueller Metapherntheorie, bildhafter Sprache und semantischen Strukturen befassen, von Interesse sein. Die von den Autoren vorgeschlagene breit angelegte empirische Methodik könnte in der Grundlagenforschung im Bereich der konzeptueller Metapherntheorie angewandt werden, um zu neuen Einsichten in die Funktionsweise von Metaphern und bildlichem Denken beizutragen.

Über die Geisteswissenschaften hinaus wirft die Arbeit spannende Forschungsfragen für das maschinelle Lernen und die künstliche Intelligenz auf, insbesondere in den Bereichen Analogieerkennung und Repräsentationslernen. Die vorgestellten Methoden bieten zudem vielversprechende Ansätze für die Mathematik der Kognition und die formale Epistemologie, da sie Werkzeuge bereitstellen, mit denen untersucht werden kann, wie abstrakte Bedeutungen durch strukturerhaltende Abbildungen zwischen verschiedenen Konzeptbereichen entstehen.

Über die Autor*innen:

Marie Teich hat ihre Promotion am Max-Planck-Institut für Mathematik in den Naturwissenschaften in Leipzig im Bereich der Digital Humanities abgeschlossen. Zuvor studierte sie Physik an der Universität Heidelberg mit den Schwerpunkten Informationstheorie und Modellinferenz im Kontext kosmologischer Modelle. Seit 2024 lebt Marie in Kiew und studiert an der American University Kyiv. Parallel dazu arbeitet sie an der Kyiv School of Economics und für mehrere zivile Erwachsenenbildungsplattformen in der Ukraine. Sie ist Mitorganisatorin internationaler akademischer Sommerschulen und Forschungsprojekte, die sich transdisziplinär mit den gesellschaftlichen und kulturellen Transformationen in der Ukraine befassen.

Wilmer Leal ist Postdoktorand an der University of Florida und beschäftigt sich mit Anwendungen der Kategorientheorie und der Garbentheorie in den Bereichen Chemie, zeitlichen Daten, Dynamik neuronaler Netze und Prozessdesign. Er entwickelt formale Werkzeuge und Code-Implementierungen zur Modellierung von Argumentationen und Strukturen in komplexen Systemen verschiedener Disziplinen, häufig mit dem Ziel, dynamische Programmieralgorithmen aus kategorialen oder garentheoretischen Formulierungen abzuleiten. Vor seiner Tätigkeit an der University of Florida promovierte er mit summa cum laude an der Universität Leipzig und am Max-Planck-Institut für Mathematik in den Naturwissenschaften. Er ist DAAD- und Lindau-Alumnus und arbeitet derzeit als Computer Scientist in Residence am Department of Chemical Engineering der University of Florida. Vor seiner Promotion erwarb er Bachelorabschlüsse in Chemie und Mathematik an der Universidad de Pamplona in Kolumbien.

Jürgen Jost ist Gründungsdirektor und seit 1996 Mitglied des Direktoriums des Max-Planck-Instituts für Mathematik in den Naturwissenschaften in Leipzig sowie Honorarprofessor am Fachbereich Mathematik der Universität Leipzig. Zudem ist er Principal Investigator am ScaDS.AI Dresden/Leipzig und Gastforscher am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften. Jost ist Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz, der Sächsischen Akademie der Wissenschaften in Leipzig sowie der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina. Zudem gehört er dem externen Fakultätskreis des Santa Fe Institute for the Sciences of Complexity (USA) an. Er wurde mit mehreren renommierten Auszeichnungen geehrt, darunter der Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) im Jahr 1993, ein ERC Advanced Grant (VARIOGEO) im Jahr 2010 sowie der Wissenschaftspreis der Teubner-Stiftung zur Förderung der mathematischen Wissenschaften im Jahr 2018. Außerdem ist er Fellow der Max-Planck-School of Cognition.

Seine Emeritus-Forschungsgruppe betreibt interdisziplinäre Forschung, die reine Mathematik mit innovativen Ansätzen zu komplexen Systemen in verschiedenen wissenschaftlichen Bereichen verbindet und dabei mathematische Konzepte und Methoden auf neuartige Weise einführt.

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